Tagebuch eines queeren Azubi II – Be a working class heroine

Im folgenden Beitrag werde ich mich als Frau* bezeichnen, weil ich von meiner Arbeitsumgebung so wahrgenommen werde und das entscheidend für diesen Blog Eintrag ist. Allerdings entspricht das nicht meiner Identität, soll hier nur gesagt sein.

Episode II – Be a working class heroine

Ich lese super gerne online von Frauen die in technischen Bereichen, oft ignoriert, bemerkenswertes geschafft haben. Frauen, die richtig gute Vorbilder sein können, weil sie krasses Zeug erfunden haben oder eben dies oder das als erste Frau geschafft und sich erkämpft haben.
Nur fällt mir leider auf, dass es eben um diese vielen berühmten Frauen geht, die zwar Vorbilder sein können, aber mit meinem aktuellen Leben doch nicht so viel zu tun haben und mit dem meiner Berufsschulkolleginnen noch viel weniger. Die Tatsache ist, dass wir jeden Tag darum kämpfen bei den banalsten Sachen anerkannt zu werden. Viele von uns sind „die erste Auszubildende“ im Bereich Metallberufe in ihrem Betrieb. Mit ganz wenigen Ausnahmen. Ich bin die erste Frau* in meinem Betrieb und das ist alles andere als leicht. Denn erstens werden wir immer auf dieses Merkmal reduziert. Wir sind zuerst Frauen*, Frauen* die dem sexistischen Normalszustand trotzen müssen und das in einer Umgebung, in der es fast nur Männer gibt. Unsere Rolle in der Berufsschule ist so gut wie möglich aus zu sehen und damit die männlichen Mitschüler zu motivieren und das Klassenklima zu verbessern (damit ist leider nicht die Arbeiter_innenklasse gemeint). Die Berufsschullehrer machen klar uns nicht sonder behandeln zu wollen und tun es gerade deswegen doch. Weil sie uns eben behandeln, wie sie denken Frauen* gehören behandelt, was in dieser Gesellschaft bedeutet sie unterdrücken uns. Dann gibt es noch die, die uns angeblich positiv sonder behandeln. Da wird im Sport ein Faul gegen ein Kollegen gepfiffen obwohl der eine nur schief angesehen hat und das macht uns natürlich nicht besonders beliebt. Sprüche wie „Scheisz Weiber“ sind da üblich.
Dann gibt es die, die uns unsere Job nicht zutrauen. Die uns sagen, Frauen* gehen ja immer in die Messtechnik, da muss frau* nicht an die Maschine und wir wären ja sowieso viel feinsinniger veranlagt für so etwas. Passt zu meinem Bewerbungsgespräch, bei dem mir der Betriebratsvorsitzende! am Ende noch mal sagt, er könne sich immer noch nicht vorstellen, dass ich mir die Hände schmutzig machen könne. Ich habe ihm bisher so ziemlich das Gegenteil bewiesen. Ein Satz zu den Berufsschullehrerinnen, sie sind meist nicht besser und haben das System so verinnerlicht, dass sie immer wieder von selbst mit den Unterschieden von Frauen* und Männern anfangen und damit ihre eigene Unterdrückung abfeiern und unsere dadurch verstärken.
Aber genug der schlechten Aussichten. Ich werde vielleicht nie die nächste Marie Curie oder Ada Lovelace sein. Aber ich stecke jeden Tag meine Kollegen in die Tonne. Meine Kolleginnen kämpfen sich genauso jeden Tag durch.
Also an die Metallinteressierten Frauen* da draußen. Der Real- oder Mittelschulabschluss mag nicht euer Meisterinnenwerk sein. Aber wenn ihr Bock auf einen Job in der Metallindustrie habt, wenn ich Bock habt euch die Hände schmutzig zu machen. Traut euch, auch wenn sie euch vielleicht sagen kaufmännische Angestellte wäre besser für euch. Ich sage nicht, dass es einfach ist in dieser Männerdomäne, aber wenn ich eins erlebt habe in der Berufsschule, dann ist es die Solidarität der Frauen* untereinander. Gemeinsam ist das schaffbar. In den Betrieben kämpfen wir zwar erst mal allein, aber nach meinem Gefühl doch irgendwie alle gemeinsam. Unsere Kämpfe sind eben klein. Der für eine eigenen Umkleide, die nicht „der Schrank unter der Treppe“ ist, eine Dusche, dafür, dass die Kollegen nicht immer doof kommentieren oder dafür, dass die doofen Plakate mit Halbnackten Frauen für die Anschlagmittel endlich verschwinden. (Anschlagmittel sind die Seile und Ketten die an einem Kran befestigt werden)
Für mich ist es wichtig diese Kämpfe zu führen, nicht nur um mir und allen anderen zu beweisen, dass ich diesen Job machen kann, sonder auch, damit es vielleicht für die Kolleginnen die nach mir kommen ein kleines Stückchen besser geworden ist. Damit wir uns gemeinsam organisieren können. Damit unsere Lehrer_innen begreifen, dass wir nicht schmückendes Beiwerk ihrer Klasse sind sondern genauso ausbildungswürdig.
Liebe Heldinnen* der Arbeiter(_innen)klasse, lasst uns gemeinsam dieses System umkrempeln, machen wir uns dabei die Hände schmutzig.
Denn die Männer heben das 2 Tonnen Werkstück auch nur mit dem Kran.


2 Antworten auf „Tagebuch eines queeren Azubi II – Be a working class heroine“


  1. 1 Jane 20. September 2014 um 13:25 Uhr

    Hallo Polychromatisch, das war jetzt tatsächlich das erste Mal, dass ich einen Insiderbericht aus einem „Männerausbildungsberuf“ lesen durfte. Ich bin begeistert und hätte es gerne schon vor 15 Jahren getan. Danke dafür. Bitte werde Ausbilder/in. Love, Jane

  2. 2 SchwarzRund 20. September 2014 um 14:16 Uhr

    Oh das klingt ja wie meine Ausbilsungszeit. Im guten wie im schlechten. Schön das du solidarität zwischen den Frauen* erlebst-das war bei uns leider ganz anders obwohl wir zusammen in betrieben waren. die anderen beiden haben das wer ist die schönste spiel gespielt um anerkannt zu werden… und sexismus abgefeiert um dazuzugehören. sehrschade. aber : schön das es bei dir anders ist

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