Reclaiming: Ich und das T-Wort

Trigger-Warnung für trans*phobe Sprache

Ich habe mich dafür entschieden das mit dem Studieren sein zu lassen und eine Ausbildung zu beginnen. Dazu bin ich umgezogen. Meine Ausbildung begann mit einer Kennenlern- und Teambuilding-Woche irgendwo in der Pampa mit 120 Azubis, weil ich bei einem sehr großen Konzern lerne. Auf dieser Woche musste ich die nicht besonders überraschende, doch sehr unangenehme, Erfahrung machen, dass gewählte Namen in einer Welt voller vorgedruckter Namensschilder und kapitalistischem Leistungs- und ‚ich muss mich gut verkaufen‘-Zwang nicht besonders viel Wert sind. Genauso wie Trans* sein. Führt ja schließlich nicht zu mehr Profit. Immerhin habe ich es dann geschafft meinen Namen bei allen Leuten mit denen ich länger zu tun habe einzuführen. Das änderte nichts an der Hundemarke (Namensschild), die ich um meinen Hals wie den einzigen Anker trug, der die Geschlechterwelt aller anderen ansatzweise im Lot hielt. Einmal schnell das Label Frau aufgedruckt, damit sich ja keine*r mehr wundert, dass ich im sogenannte „Mädchenhaus“ wohne. (Ich machen eine Lehre im technischen Industriebereich, da gibt es nicht so viele Frauen* und die durften abseits ihrer Gruppen in diesem Haus schlafen) Mich hat das alles eher ziemlich fertig gemacht. Spätestens nachdem ich aus dem Bus gestiegen war und ein Ausbilder laut alle Namen aufrief und uns in Gruppen einteilte und bei meinem Namen in die Runde guckte und dachte ich wäre nicht dabei, war mir klar, dass ich eine strikt gegenderte Welt betrat, in der die Sinnlosigkeit von Geschlecht nicht offensichtlicher hätte sein können. Skuriler ist das ganze dann nur noch dadurch geworden, dass ausgerechnet ich, dadurch dass ich relativ gut öffentlich reden kann, dazu auserkoren wurde bei der Abschlussveranstaltung vor allen Chefs auch noch ein zwei Sätze zu sagen, damit eine Frau* gesprochen hatte. Gerade die Frau* die von allen als Mann gelesen wird, sich als Trans* indentifiziert (gut das wusste da fast keine*r)!? Das einzige was mein Quotenfraudasein dann noch gerettet hat, war die Tatsache, dass hier in Sachsen durch den Dialekt bedingt immer ein „die“ oder „der“ vor Namen gesetzt wird. Aber mein Großkonzern brüstet sich eben gerne damit auch Frauen* zu haben die technische Berufe erlernen.
So Viel also zur Ausgangslage meines eigentlichen Beitrages (ist mal wieder länger geworden als gewollt). Ein paar Wochen nach dieser Einführungswoche hatte ich eine Gespräch mit einem meiner Kollegen, der nicht ganz so doof und „-istisch und -phob“ ist wie alle anderen, weil seine Mutter lesbisch ist. Dabei habe ich ihm erklärt was Heteronormativität ist und dann sagte er sowas wie: „Auf der Einführungswoche haben ja auch welche darüber geredet, dass du trans…“, und dann machte er eine Pause und hängte ein „…exuel wärst.“ dran. Er hatte aus Respekt vor mir das Wort „Transe“ nicht sagen wollen. Zwei Dinge haben mich daran aufgeregt und eine Sache mich echt zum Nachdenken gebracht. Meine Aufregung bezog sich zuerst auf meinen Kollegen, weil dieser das ganze in einem Ton gesagt hatte, der implizierte: -deine Sexualität ist hier doch eh allen klar und ich finde das ist kein Problem, aber trans* bist du nicht, denn das ist nicht normal und für mich bist du normal-. Solche Sätze fallen in die Kategorie -Das Gegenteil von gut ist gut gemeint- und sind echt verletzend. Es zeigt auch, dass das T in LGBT* (Lesbian Gay Bisexual Trans*) eben noch nicht selbstverständlich angenommen wird. Was mich weiterhin aufgeregt hat, ist dass in dieser ganzen von Trans*unsichtbarkeit geprägten Woche nur die Typen meine Identität wahrgenommen hatten, die transphobe Arschlöcher waren.
Was mich aber zum Nachdenken gebracht hat, ist eine Diskussion die vor einiger Zeit in diversen Blog Artikeln über das „Tr*nse“ Wort geführt wurde. Damals wurde bemerkt, dass es eben kein Wort wäre das Trans*männer reclaimen könnten, weil es auf die Gruppe der Trans*frauen (und jene die als solche gelesen werden) abzielt und dazu noch stark mit Rassismus und Klassismus verschränkt ist, aber eben immer noch im Bezug auf Trans*frauen. Nun ist Trans*frau nicht mal ansatzweise meine Identität. Ich würde mich als trans* bezeichnen, aber wenn ich so wahrgenommen werde, dann in dieser zweigeschlechtlichen Welt als Trans*mann. Deswegen habe ich auf aufgehört dieses Wort irgendwie als (Selbst-)Bezeichnung zu verwenden, weil ich die Einwände dagegen nachvollziehen kann. In der Umgebung in der ich mich aber die meiste Zeit meines aktuellen Lebens befinde, nämlich in der Ausbildung zusammen mit 30 jungen Männern die alle so um die 16 sind, bin ich auf Verdacht „Tr*nse“. Und wenn ich out wäre, dann eben nicht mehr auf Verdacht, aber diese Jungs würden sich einen Scheisz um meine genaue Identität scheren und dieses Wort immer noch auf mich anwenden. Ich würde dem gerne mit einer Art Reclaiming begegnen. Einfach mal sagen: „Ja bin ich und Probleme?!“. Vor allem würde ich dieses Wort in meinem Sprachgebrauch auch anderen queeren Leuten gegenüber als Selbstbezeichung nutzen wollen, weil es die ganze Sache eben weniger verletzend macht. Aber nun weiß ich nicht, ob mir das zusteht. Ich will niemenschem Worte wegnehmen und somit ungewollt meine Privilegien als weißer, wahrgenommener Trans*mann ausspielen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass in meiner individuellen Position mir diese Reclaming eigentlich zustände, denn schließlich bin ich durch die trans*phobe Verwendung dieses Wortes direkt betroffen. Gerade dazu finde ich keine Antwort. Das hier soll auch keine sein. Es bringt mich nur wieder in das gedankliche Konfliktfeld zwischen strukturellen Unterdrückungsmechanismen und meiner ganz spezifischen Situation. Ich würde auch gerne nochmal zu einer Diskussion darüber anregen ohne Trans*frauen abzusprechen, dass diese Wort eben meistens sie betrifft und ohne die Intersektionalität der ganzen Sache in Frage zu stellen. Deshalb wäre ich trotz der sehr beschränkten Reichweite dieses Blogs über Kommentare, Antworten, Beiträge dazu dankbar.
Roger.Over.


4 Antworten auf „Reclaiming: Ich und das T-Wort“


  1. 1 Gnurpsnewoel 30. September 2013 um 17:18 Uhr

    Ein Wort, dass gegen dich in essenzialistischer Weise geclaimt wird, darfst du auch reclaimen. Du wirst ja auf Grund deines Trans*seins als Tr#ns# beschimpft. Also darfst du das Wort für dich verwenden. Insofern ist auch die Behauptung falsch, dass nur Trans*frauen davon betroffen sind, weil, dass es gegen dich verwandt wird, das ja widerlegt. Keep on struggling

  2. 2 Lisa 05. Oktober 2013 um 18:01 Uhr

    Also aus dem oben geschilderten Beispiel kommt, finde ich, nicht raus, dass der Typ dich als Transe bezeichnen wollte. Viele Jüngere verwenden das im englischen Raum übliche „trans“ schlicht als Kurzform von transsexuell / transgender.

    Tut mir leid, dass deine Firma so insensitiv ist, das muss ziemlich schwierig für dich sein. Trotzdem würde ich an deiner Stelle versuchen, nicht allzuviel in Ton & Unausgesprochenes Hineinzulesen – man macht sich damit nur verrückt. Mir ging es damals als frischgebackenes Transmädchen genauso: Ich hatte den Kram den mir meine (überalterten) Psychologen erzählt hatten internalisiert und erwartete dass Leute mich hassen würden. In Wahrheit wissen die meisten Leute aber schlicht nicht, wie sie mit so etwas seltenem umgehen sollen und versuchen dann entweder es durch besonders herzlichen / sehr gender-affirmititv-klischeehaften Umgang zu überspielen, oder sie sind besonders zurückhaltend um nicht in Fettnäpfchen zu treten. Es ist meistens eine Weile ziemlich verkrampft bis sich beide Seiten hinreichend entspannt und evtl. ein paar dumme Witze gerissen haben.

    Das Problem mit dem Reclaimen ist, dass ich mir schlecht vorstellen kann, dass es für eine Einzelperson funktioniert. Das Wort „Transe“ hat „an sich“ kaum eine beleidigende Wirkung, es sind die aufgeladenen Assoziationen die es dazu machen. Wenn du dich selbst so nennst, erlaubst du nur anderen es dir gleich zu tun…Außerdem verstehe ich nicht so recht, wie du als Transmann eine Schmähbezeichnung reclaimen willst, die im Femininum steht… Solange du nicht extrem genderqueer präsentierst, bestätigst du damit ja nur Leute darin, dass deine Identität eine weibliche sei…

  3. 3 GingerRoger 06. Oktober 2013 um 23:24 Uhr

    hey Lisa,
    also was die Wortwahl meines Kollegen angeht, kann natürlich immer sein, dass ich ihm das was in den Mund lege, aber ich weiß, dass der Begriff in dieser Einführungswoche im Zusammenhang mit meiner Person gefallen ist. Und englisch affin sind meine Kollegen nun leider wirklich nicht, dass sie das übernommen hätten ;)
    Also ich finde nicht, dass ich mit einem Reclaiming leute dazu auffordere mich so zu nennen, das ist ja der Punkt von ‚rück‘-eroberung von Worten, dass sie eine*n eh schon so nennen.
    Was meine Geschlechtidentität angeht habe ich ja geschrieben ich würde mich eher als Transmann bezeichnen, wenn es nur die zwei gesellschaftlich festegelegten Geschlechter zu auswahl gibt, also Transmann und Frau in meinem Fall. Das heißt nicht, dass das wirklich meine Identität ist und auch die lesart meiner Person ist super unterschiedlich je nach dem wem ich eben gerade gegenüberstehe.

  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Rebel Girls, Gedichte und ein lesbischer Kurzfilm – die Blogschau Pingback am 05. Oktober 2013 um 9:00 Uhr
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