Dysphoria Days

It’s hard to overcome dysphoria. Dysphoria is more a societal condition than my condition. Still society tries to make it my condition and succeeds. Basically it’s not possible to overcome it, at least not in a short term, because you have to change peoples minds and thoughts about what a man or a woman or gender is.
But this sounds more pessimistic than it is.
I have mechanisms to cope with my dysphoria and there are ways you can help me. I mean if you are a complete stranger, not being a transphobic jerk probably helps, or just smiling to me in the street. But if you are somebody who somehow knows me and you meet me in a grumpy disphoria mood, you can help me a bit more. First I am going to start with a few examples of -you probably thought that would be a good idea, but you are only making it worse-. Don‘t tell me how manly I look or act or am. Because on these days I totally know that I am not. Also don‘t tell me that I will be a good diversity experience for your children. Yes I know that I probably will be, but I want to be a loving friend an supporter in first place more than an educational freak. What actually helps me is joking around about queerness with other queer people. And joking around about dysphoria or just talking to people who also experience it. If tea and cookies and cuddles are somehow involved in this process, even better. Most of my dysphoria days I don‘t want to go outside, therefore visiting me and not leaving me alone with myself is a good idea. Since I have a lot international friends visiting is not an option most of the time, but skype help or, I have to admit that, facebook likes and comments if I post that I feel shitty. Just a bit of online solidarity. Also creating some kind of ‚art‘ together helps. Most of the time it’s writing and I have never tried doing that together with somebody else, but collection concepts for comics or sketching together is really nice. There are also a few very basic things that you should do. Respect my boundaries, they might be different from the boundaries I have at days where I feel ok with myself. This includes not talking about topics that I don‘t want to talk about at this particular moment. And maybe, forgive me if I react more grumpy than I usually do. If you want me to be friendlier just change societies believes about gender.

Wie benutze ich einen Aktionshashtag… und wie nicht

How to use an „action hashtag“… and how not to (english version below)

Im Bezug auf Heidenau gibt es zwei Hashtags. Einen Allgemeinen (#Heidenau) und einen Aktionshashtag abhängig vom Tag, also am 24.08. (#hdn2408).
Es ist wichtig diese unterschiedlich zu verwenden. Hier erfahrt ihr wie und warum.

Grundsätzliches, in den allgemeinen Hashtag kommen alle Sachen, die nicht direkt von vor Ort sind. Also allgemeine Solidaritätsbekundungen, Tweets darüber wie schlimm Deutschland und Sachsen sind (also die sind voll in Ordnung, brauchen nur den richtigen Hashtag ;) ) auch Pressesachen, die ihr mit euren Follower_innen teilen wollt, aber die nicht super neu und frisch sind.
In den Aktionshashtag kommen NUR Sachen über die aktuelle Situation vor Ort und Dinge die dafür wichtig sind (z.B. Nazianreise aus anderen Städten).
Es ist wichtig diese Trennung bei zu behalten.

Warum?
1.) Wenn unter dem Aktionshashtag einfach alles veröffentlich wird, verwenden die Aktivis vor Ort ihre begrenzte Akkulaufzeit darauf Sachen zu lesen, die ihnen nicht helfen.
2.)Wenn ich erst durch 10 irrelevante Tweets scrollen muss, um herauszufinden, ob Nazis zu mir unterweg sind, ist das Mist und verlangt von mir viel Aufmerksamkeit zu filtern, die anderweitig gebraucht wird.
3.) Wenn der Aktionshashtag wegen all der Tweets erstmal trended, wird unglaublich viel Spam unter dem Hashtag getweetet und das gilt es zu vermeiden, siehe Punkt 1 und 2.

Das kannst du tun, wenn du das alles verstanden hast und nicht vor Ort bist
a) benutze die Hashtags richtig ;)
b) weise andere Nutzer_innen darauf hin, wenn du siehst, dass sie die Trennung nicht einhalten
c) blocke Nazitrolle

Das kannst du tun, wenn du das alles verstanden hast und vor Ort bist
a) verwende Timecodes. Das sind Zeitangaben am Anfang des tweets z.B. 21:25 Uhr wird zu 2125 am Anfang des Tweets. Es macht übersichtlich von wann eine Info ist, denn bei Retweets wird bei Twitter als Zeitpunkt angegeben, wann das ganze geretweetet wurde, nicht von wann der originale Tweet ist.
b) Twittere was nötig ist, aber nichts was den Nazis nützt. Bedeutet, Dinge die im Plenum diskutiert werden, sollten nicht als nächstes auf Twitter landen. Auch Zeitpunkte für die Abreise im Vorraus zu twittern hilft den Nazis die Abreisenden eventuell doch noch organisiert zu überfallen.
c) Wenn du Fotos machst, verpixele sie. Es ist wichtig, dass die Nazis die Gesichter der anwesenden Aktivist_innen nicht online einfach erkennen können. Denn viele der Aktivis kommen aus Orten wo sie zahlenmäßig in der Unterzahl sind und von ihren lokalen Nazis keine „Hausbesuche“ bekommen wollen. Das gleiche gilt selbstverständlich auch für die Gesichter der Refugees. Oft gibt es staatliche Repression gegen sie, wenn sie politisch organisieren.
d) blockt Nazitrolle, damit der Feed sauber bleibt ;)

Ergänzungen per Twitter bitte an @Jolly_rot_faust sie werden dann hier eingepflegt.
Passt auf euch auf! Alerta!

How to use an „action hashtag“… and how not to

There are two Hashtags concerning Heidenau. A general one (#Heidenau) and an „action hashtag“ depending on the date, e.g. #heidenau2308 on August 23. It’s important to use them in different ways. Here you‘ll learn how and why.

The general hashtag is there for general tweets by people who are not present. This means general exressions of solidarity, tweets about how terrible Germany and Saxony are (they‘re totally fine, you just have to use the correct hashtag ;) ), stuff from the media you want to share with your followers, but which isn‘t new and fresh.
The „action hashtag“ is ONLY for information about the current situation on the site and things that are important regarding the situation (e.g. Neonazis coming in from other cities). It’s important to keep up this separation.

Why?
1) If everything is published with the „action hashtag“, the activists on the site have to use up their limited phone battery to read things that aren‘t helpful to them.
2) Having to scroll through 10 irrelevant tweets in order to find out whether Neonazis are on their way takes up a lot of attention that is needed elsewhere.
3) As soon as the „action hashtags“ is in the Twitter Trends because of the number of tweets there are loads of spam tweets with the hashtag. This should be avoided, see 1) and 2).

This is what you can do if you got this and are not on the site:
a) use the hashtags correctly ;)
b) alert other users if you see they are not using the hashtags correctly
c) (spam)block Neonazi trolls

This is what you can do if you got this and are on the site

a) Use time stamps. If something happened at 09:25 pm, you put 2125 at the beginning of the tweets. This makes it much easier to see when something was tweeted, because for retweets, twitter gives the time of the retweet, not of the original tweet.
b) Tweet things that are important, but nothing that helps the Neonazis. Meaning: things that are discussed during a plenum should not be shared via twitter. Tweeting the time of departure in advance helps Neonazis to attack the people leaving.
c) If you take photos, pixelize them. It’s important for the Neonazis to not be able to simply recognize the present activists online. Many activists come from places where they are outnumbered and don‘t want to be paid „visits“ by local Neonazis. Obviously, the same goes for the faces of the refugees. They are often repressed by the government for organizing themselves politically.
d) (spam)block Neonazi trolls to keep the feed clean. ;)

If you have additions, tweet them to @Jolly_rot_faust, they will be inserted.
Take care! Alerta!
Thanks for the translation to @Heidenau_Engl

Tagebuch eines queeren Azubi IV – Es bleibt die Angst

Inhaltswarnung: kurzes zitieren diskriminierender Begriffe aus dem Azubialltag, Coming Out- Angst am Arbeitsplatz

Die Leute die mich auch privat kennen, wissen, dass ich sehr viel Wert darauf lege cool, abgehärtet, selbstbewusst, teilweise unantastbar und witzig rüberzukommen. Ich bin jemensch der durchaus um die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen feilscht und gerne im Mittelpunkt steht.
Die meisten dieser Eigenschaften gehen allerdings verloren, wenn ich auf Arbeit oder in die Berufsschule gehe. Eine meiner Lehrerinnen hat mich in einer Stunde als „Fels in der Brandung“ beschrieben. Weil ich in der Schule in der ersten Reihe sitze, selten etwas sage, die meiste Zeit schweige. Wer mich sonst kennt, weiß, dass „schweigsam“ kein Wort ist, dass überhaupt in meine Nähe kommen kann, bevor es zerredet wird. Ich rede mit meinen Mitschüler_innen nur, wenn ich muss.
Im Betrieb bin ich höflich, nett, arbeitsam. Ein Privatleben, habe ich nicht. Wenn ich gefragt werde, was ich am Wochenende gemacht habe, verleugne ich meine Partner_innen als Bekannte, die ich in den Städten, in die ich fahre, eben kenne.
In meiner Ausbildungswerkstatt bin ich ein arrogantes, zynisches Arschloch, um ehrlich zu sein. Ich helfe den anderen, wenn sie mich etwas fragen, aber ich werde schnell wütend. Besonders, wenn sie mich wie ein lebendiges Tabellenbuch behandeln. Zum Frühstück sitze ich nicht mit den anderen an einem langen Tisch im Pausenraum. Ich sitze an meinem eigenen kleinen Tisch mit vier Stühlen und allen ist klar, dass diese durch mich, meinen Rucksack und mein Ego schon besetzt sind. Wenn ich mich doch mal zu den anderen setze, werde ich nie direkt angesprochen. Außer von dem einen Kollegen, der mehr oder weniger in meiner Gunst steht. Er ist nicht willkürlich ausgesucht. Nur er und ein Zweiter (der mit mir als einziger in der gleichen Firma angestellt ist und sowieso immer schweigt) haben meine Handynummer. Es gibt einen Grund, warum dieser eine von mir dazu „auserwählt“ wurde. Es ist derjenige von dem ich bisher „nur“ um die 5 Mal in zwei Ausbildungsjahren gehört habe, dass irgendetwas „schwul“ oder „gay“ wäre (PC ist er noch lange nicht „voll behindert“ ist einer seiner „Lieblingsfloskeln“) .
Ich bin nicht stolz darauf so weit weg von dem zu sein, was ich von mir erwarte. Es tut sogar verdammt weh.
Seit der ersten Woche meiner Ausbildung habe ich beschlossen keine_n der anderen an mich heran zu lassen. In dem Moment, wo ich in der Einführungswoche ins „Mädchenhaus“ gesteckt wurde und das angedeutete Coming Out meinem Teamer gegenüber an einer Mauer aus Unwissen abgeprallt ist, habe ich dicht gemacht. Ich hatte mir vor Beginn meiner Ausbildung vorgenommen, von Anfang an mit offenen Karten da rein zu gehen, komme was wolle. Ich wollte ein stolzer, scheinender trans* Azubi sein. Ich weiß noch wie ich am Fenster im Vierbettzimmer stand, einer Person SMS schrieb, darüber, wie sehr ich es allen zeigen würde. Ich weiß auch, wie ich vor Angst verkrampfend genau an diesem Fenster stand. Ich habe es in dieser Woche nur meinen zwei Zimmermitbewohnerinnen erzählt. Sie waren unglaublich überfordert, aber haben es akzeptiert. Unglücklicherweise sind sie nicht diejenigen, mit denen ich seit zwei Jahren jeden Arbeitstag verbringen muss. Sie sind jetzt in Berlin und studieren Maschinenbau.
Ich konnte die Gruppe und meine erste Ausbilderin davon überzeugen meinen Namen zu verwenden und nicht den, der auf der Anmeldung stand. Das alles unter dem Vorwand, ich würde nur noch auf diesen „Spitznamen“ hören.
Jeden Arbeitstag 8h. jeden verdammten Tag. Bin ich jemensch, der ich nicht bin. Jeden dieser Tage setzte ich die Maske der ein bisschen alternativ aussehenden schweigsamen-arroganten-arbeitsamen cis-frau auf. Ich bin so weit weg von all diesem Menschen, die mich auf Arbeit umgeben. Immer mal wieder habe ich Momente in denen ich mir ausmale, wie ich es Ausgewählten sage, wie ich ihnen eine Flyerzusammenfassung über meine Identität gebe und ihre, schon tausendmal gestellten, Fragen beantworte. Dann sitze bin ich wieder in der Ausbildungswerkstatt und höre es wie auf einer kaputten Schallplatte den ganzen Tag über „das ist so schwul“ „einfach nur gay“. In meiner Schulklasse sitzen 3 organisierte Nazis, sobald auch nur nicht heterosexuelles Verhalten erwähnt wird, stellt einer von ihnen unmissverständlich klar, wie „krank“ und „unnormal“ das doch ist. Und die Leute, die zu Pegida gehen lachen laut, der Rest, leise, mit. Meine Hand verkrampft sich um meinen Stift, damit ich mich nicht rumdrehe und los schreie, damit ich nicht vor allen anfange vor Wut und Trauer zu heulen. Ich male mir in Gedanken die besten Antworten auf meine Lehrerinnen aus, die schon wieder nur sexistische Beispiele im Kopf haben. Ich überlege mir wie cool ich doch antworten können, wenn mich auf der Damentoilette mal wieder eine schräg von der Seite darauf hinweist, dass ich hier doch falsch sei. In meiner Phantasie bin ich der queere Schrecken aller homo- und trans*phoben Vollidiot_innen.
Stattdessen spähe ich in den Gang und hoffe, dass niemensch vor den Toiletten steht. Ich lausche jedes Mal in den Raum, wenn ich die Tür zu den Toiletten öffne, um sicher zu gehen, dass keine andere Person drin ist. Kommt doch eine Person herein, während ich in einer der Kabinen verschwunden bin, passe ich es immer so ab, dass mich diese Person nicht zu Gesicht bekommt. Ich weiß inzwischen intuitiv, wie lange eine Person von den Kabinen zum Vorraum mit den Waschbecken braucht.
Im Zweifelsfall ironisch über den Gemeinschaftskundeunterricht twittern, um nicht unter zu gehen. Irgendwie sich selbst davon überzeugen, dass es einem nichts an hat. Vom Gegenteil überzeugt werden, als einer Person neben mich gesetzt wird. Auf den Platz der doch eigentlich meinem Rucksack und meine Mauern zusteht. Mein Schutzraum wurde so angegriffen, dass ich am liebsten mit meinem Stuhl verwachsen wäre, ich bin immer kleiner geworden. So viele Hände hatte ich gar nicht, wie ich sie vor den Körper halten wollte. Als die Lehrerin raus war, habe ich ihn weg geschickt, damit ich wieder atmen kann.
Immer zwischen Mut und Vorsicht. Queere Bücher, die ich lese, immer mit dem Titel nach unten legen, am besten noch eine Lehrbuch drauf. An der ersten Reihe, da laufen viele Leute vorbei. Dann wieder das „Antihomophobe Aktion“ Logo stolz auf der Jacke tragen. Ein Versuch von „in your face“. Aber da wo Leute wie ich so unsichtbar sind, starren alle daran vorbei.
Immer mit dem Gedanken spielen mit der Gewerkschaft zu reden. Auf ein zwei Veranstaltungen gewesen, nichts gesagt. Was wenn es mein JAV Kollegen mitbekommen? Die anderen da sind cis-männliche Metall-Azubis. Warum sollten sie so viel anders sein als die, die ich tagtäglich ertrage. Nur weil sie gegen Legida demonstrieren, heißt das nicht, dass sie mich verstehen. Ich bin auch in der Linken nicht „normal“.
Am Wochenende endlich aufatmen. Die eigene Haut wiederfinden, entstauben, anziehen. Im Zug mit einer Person mit der ich eine Beziehung führe sitze. Zug voll. Sitzplätze nebeneinander gefunden. Uns direkt gegenüber, einer der aus dem ersten Lehrjahr aus der Ausbildungswerkstatt. Mich fragen, wie weit er mich kennt. Sich an das Gesicht erinnern und wissen, dass er jeden Morgen mit mir im Bus sitzt. Sich bei der Person neben mir anlehnen wollen, es kalkulieren, die Angst überwinden müssen. Es am Ende tun. Einmal Mut geschöpft haben. Am nächsten Montag, ihn aus den Augenwinkeln beobachten, darauf wartend, dass er zu mir sieht. Darauf wartend, dass er etwas zu den Mitazubis tuschelt. Platscher…nichts passiert. Aufatmen. Gedankliche Flucht.
Sonntagabenden hassen lernen, weil darauf der Montag folgt. Morgens sich selbst abgeben, tauschen gegen Arbeitsklamotten. Blaue Uniform, die Unsichtbarkeit in der Masse annehmen, bloß nicht auffallen. Höflich…distanziert. Weit weg von den anderen. Wieder eine Woche lang hoffen, dass sie es diesmal vielleicht einfach sein lassen. Darauf hoffen den Mut zu finden. Sich selbst für diese Hoffnung verurteilen.
Es sollte nicht so sein. Ich gebe Workshops. Ich stehe vor Jugendlichen als stolze Trans*person, noch wichtiger, als rundum mit sich zufriedene, selbstbewusste Trans*person. Genau genommen belüge ich sie damit ein ganzes Stück. Ich belüge sie, damit es bei ihnen vielleicht anders ist, als es bei mir ist. Damit sie mehr Mut haben, damit sie mehr Allies haben und mehr Allies sind.
Ich will dieser Vorreiter sein. Ich will Trans*rechte erkämpfen in der Gewerkschaft, an meinem Arbeitsplatz, in meiner Schule. Das hier klingt anders, aber ich habe nicht aufgegeben.
Es bleibt die Angst. Jetzt, gerade.
Aber nicht für immer.

Tagebuch eines queeren Azubi III – Sächsische Zustände

Die Tage wird viel gesprochen über PEGIDA, LEGIDA, CEGIDA, X-EGIDA. Es wird auch viel gesprochen über Geflüchtete und die angebliche „Belastung“, die sie darstellen. Ich möchte hier auf zwei Dinge eingehen. Einmal ein persönlicher Einblick auf die x-egidas und dann auf die Argumente, die gegen sie verwandt werden.
Dieser Artikel bezieht sich mal wieder auf Erlebtes in der Berufsschule. Ich weiß schon seit Anfang des Schuljahres, dass ich zwei organisierte Nazis bei mir in der Klasse sitzen habe. Also nicht so gut organisiert, dass mensch ihnen damit etwas könnte, aber organisiert genug, um Kampfsport in Hoolkreisen zu betreiben. Genau um die beiden soll es hier nicht gehen. Ich weiß wer sie sind, ich weiß, dass sie gefährlich sind und ich habe sie im Blick. Dort wo ich zur Schule gehe, werden Nazis von Schulseite her nicht bekämpft sondern ignoriert. Es verwundert mich also nicht, dass sie da sind und offen ihre komplette Thor Steinar Klamotte tragen. Bisher habe ich als Gegenmittel darauf gehofft, dass sich der Klassenverband gegen sie stellt. Das dies nicht der Fall ist, musste ich Stück für Stück mitbekommen.
Ganz am Anfang habe ich einmal versucht das Thema anzusprechen, dass es doch zwei Nazis in der Klasse gäbe und er Typ mit dem ich geredet habe, meinte nur sinngemäß, es würde den Linken recht geschehen, wenn sie von Nazis gejagt würden, solange sie keine Autos anzünden. Der Typ kam vom sächsischen Land, wenn da wer Autos anzündet dann gelangweilte Jugendliche wie er.
Schlimmer wurde es mit einem Gespräch, dass 4 andere der Klasse in einer Pause führten. Es ging um Pegida und wie sich herausstellte, nahmen sie alle daran teil. Nicht nur das. Sie berichteten aus erster Hand, wie sie und ihre Kumpels zusahen, als die alevitischen Jugendlichen in einer dresdner Einkaufspassage gejagt wurden. Sie haben darüber geredet, wie die „K…“ (Worterklärung unten, Achtung, rassistische Sprache) es doch verdient hätten. Sie hätten „geglotzt“ und damit nur darum gebeten. Ich kann es nicht verstehen und will es auch nicht, wie sie statt zu helfen oder zumindest die Schrecklichkeit von dem zu erkennen, was da passiert war, sich dann darüber austauschten, dass „diese Leute“ ja sowieso immer die Klappmesser bereit hätten. So wie sie miteinander geredet haben, wurde eine Menschenjagd auf einmal zu Selbstverteidigung.
Die Mitschüler_innen, die da geredet haben, waren eben nicht die organisierten Nazis. Sie waren die, die als „Mitte der Gesellschaft“ beschrieben werden. Sie sind die, die von der Politik als unschuldige Jugendliche in den Händen der rechtsextremen Rattenfänger dargestellt werden. Diese Darstellung ist falsch. Sie verleugnet das was in Deutschland Alltag ist. Tief verankerter Rassismus. Pegida ist keine matschig braune Stelle, am doch so guten deutschen Apfel. Pegida ist ein Zustand, wie er deutscher nicht sein könnte.
Ja es gibt Menschen, die Kundgebungen, Demonstrationen, Diskussionsveranstaltungen und Blockaden gegen die X-egidas organisieren. Doch was mir zu oft auf diesen Veranstaltungen begegnet ist die „wir sind die Guten“ Einstellung, die manchmal zu einem „das Volk sind die Guten“ wird. Gerade dann, wenn der „Volksgedanke“ versucht wird zu rehabilitieren, weil die anderen ihn doch missbrauchen würden, wird mir schlecht. Die Konstruktion eines „Volkes“ beinhaltet immer, dass es Menschen gibt, die nicht gleichwertig dazugehören dürfen.
Ein anderes Argument, dass immer wieder gegen Pegida verwendet wird und das ich in letzter Zeit öfter auf Gegenveranstaltungen hören durfte. Besonders von Stadtoberen und Uniprofessoren, ist, dass Deutschland doch Einwanderung brauche. Dass Einwanderung gut ist, gegen die aussterbenden sächsischen Landstriche. Als ob die zwanghafte Losverteilung von Refugees in Gemeinschaftunterkünfte etwas vertretbares wäre, wenn es nur der Wirtschaft dient. Auch Refugees wollen nur bedingt im Hinterland ohne jegliche Anbindung leben. Der Unterschied ist, dass sie nicht weg können.
Das schlimmste an all diesen Argumenten ist aber, dass Menschen denken sie brauchen sie. Menschen, die Geflüchtete willkommen heißen wollen, argumentieren mit deren wirtschaftlichen Nutzen. Damit teilen sie Geflüchteten genauso einen Wert zu, wie es Pegida tut. Der Unterschied ist der Wert den sie ihnen beimessen.
Es gibt nur einen Grundsatz, der gegen Pegida unbedingt stehen muss. Dazu gehört auch ihn gegen unsere eigenen Verhaltensmuster, unsere verinnerlichten Rassismen und Gedanken durchzusetzen. Geflüchtete sind Menschen und das ist das einzige was zählt.

Es gibt durchaus viele anderer Dinge, die bei der Unterstützung von Refugees zu beachten sind. Gerade, um nicht bevormundend zu sein. Allerdings ist das an anderer Stelle zu finden und auch nicht an mir als weißer deutscher zu schreiben.

Worterklärung von oben, Achtung! rassistische Sprache: Ich schreibe „K…“ um das wort „Kanake“ nicht ausschreiben zu müssen, weil ich so wenig wie möglich rassistische Sprache reproduzieren will, wie möglich. Auch wenn das bei solchen Blogposts schwierig ist.

Tagebuch eines queeren Azubi II – Be a working class heroine

Im folgenden Beitrag werde ich mich als Frau* bezeichnen, weil ich von meiner Arbeitsumgebung so wahrgenommen werde und das entscheidend für diesen Blog Eintrag ist. Allerdings entspricht das nicht meiner Identität, soll hier nur gesagt sein.

Episode II – Be a working class heroine

Ich lese super gerne online von Frauen die in technischen Bereichen, oft ignoriert, bemerkenswertes geschafft haben. Frauen, die richtig gute Vorbilder sein können, weil sie krasses Zeug erfunden haben oder eben dies oder das als erste Frau geschafft und sich erkämpft haben.
Nur fällt mir leider auf, dass es eben um diese vielen berühmten Frauen geht, die zwar Vorbilder sein können, aber mit meinem aktuellen Leben doch nicht so viel zu tun haben und mit dem meiner Berufsschulkolleginnen noch viel weniger. Die Tatsache ist, dass wir jeden Tag darum kämpfen bei den banalsten Sachen anerkannt zu werden. Viele von uns sind „die erste Auszubildende“ im Bereich Metallberufe in ihrem Betrieb. Mit ganz wenigen Ausnahmen. Ich bin die erste Frau* in meinem Betrieb und das ist alles andere als leicht. Denn erstens werden wir immer auf dieses Merkmal reduziert. Wir sind zuerst Frauen*, Frauen* die dem sexistischen Normalszustand trotzen müssen und das in einer Umgebung, in der es fast nur Männer gibt. Unsere Rolle in der Berufsschule ist so gut wie möglich aus zu sehen und damit die männlichen Mitschüler zu motivieren und das Klassenklima zu verbessern (damit ist leider nicht die Arbeiter_innenklasse gemeint). Die Berufsschullehrer machen klar uns nicht sonder behandeln zu wollen und tun es gerade deswegen doch. Weil sie uns eben behandeln, wie sie denken Frauen* gehören behandelt, was in dieser Gesellschaft bedeutet sie unterdrücken uns. Dann gibt es noch die, die uns angeblich positiv sonder behandeln. Da wird im Sport ein Faul gegen ein Kollegen gepfiffen obwohl der eine nur schief angesehen hat und das macht uns natürlich nicht besonders beliebt. Sprüche wie „Scheisz Weiber“ sind da üblich.
Dann gibt es die, die uns unsere Job nicht zutrauen. Die uns sagen, Frauen* gehen ja immer in die Messtechnik, da muss frau* nicht an die Maschine und wir wären ja sowieso viel feinsinniger veranlagt für so etwas. Passt zu meinem Bewerbungsgespräch, bei dem mir der Betriebratsvorsitzende! am Ende noch mal sagt, er könne sich immer noch nicht vorstellen, dass ich mir die Hände schmutzig machen könne. Ich habe ihm bisher so ziemlich das Gegenteil bewiesen. Ein Satz zu den Berufsschullehrerinnen, sie sind meist nicht besser und haben das System so verinnerlicht, dass sie immer wieder von selbst mit den Unterschieden von Frauen* und Männern anfangen und damit ihre eigene Unterdrückung abfeiern und unsere dadurch verstärken.
Aber genug der schlechten Aussichten. Ich werde vielleicht nie die nächste Marie Curie oder Ada Lovelace sein. Aber ich stecke jeden Tag meine Kollegen in die Tonne. Meine Kolleginnen kämpfen sich genauso jeden Tag durch.
Also an die Metallinteressierten Frauen* da draußen. Der Real- oder Mittelschulabschluss mag nicht euer Meisterinnenwerk sein. Aber wenn ihr Bock auf einen Job in der Metallindustrie habt, wenn ich Bock habt euch die Hände schmutzig zu machen. Traut euch, auch wenn sie euch vielleicht sagen kaufmännische Angestellte wäre besser für euch. Ich sage nicht, dass es einfach ist in dieser Männerdomäne, aber wenn ich eins erlebt habe in der Berufsschule, dann ist es die Solidarität der Frauen* untereinander. Gemeinsam ist das schaffbar. In den Betrieben kämpfen wir zwar erst mal allein, aber nach meinem Gefühl doch irgendwie alle gemeinsam. Unsere Kämpfe sind eben klein. Der für eine eigenen Umkleide, die nicht „der Schrank unter der Treppe“ ist, eine Dusche, dafür, dass die Kollegen nicht immer doof kommentieren oder dafür, dass die doofen Plakate mit Halbnackten Frauen für die Anschlagmittel endlich verschwinden. (Anschlagmittel sind die Seile und Ketten die an einem Kran befestigt werden)
Für mich ist es wichtig diese Kämpfe zu führen, nicht nur um mir und allen anderen zu beweisen, dass ich diesen Job machen kann, sonder auch, damit es vielleicht für die Kolleginnen die nach mir kommen ein kleines Stückchen besser geworden ist. Damit wir uns gemeinsam organisieren können. Damit unsere Lehrer_innen begreifen, dass wir nicht schmückendes Beiwerk ihrer Klasse sind sondern genauso ausbildungswürdig.
Liebe Heldinnen* der Arbeiter(_innen)klasse, lasst uns gemeinsam dieses System umkrempeln, machen wir uns dabei die Hände schmutzig.
Denn die Männer heben das 2 Tonnen Werkstück auch nur mit dem Kran.

Tagebuch eines queeren Azubi – I – Warum ich kein Ausbilder werden soll

Ich habe beschlossen wieder mehr auf meinem Blog zu schreiben. Und wie viele andere das auch machen, wird es in dieser Reihe um das gehen was ich so tagtäglich erlebe. Dabei will ich das ganze allerdings politisch einordnen. Als transgender queerer anarcho Auszubildender möchte ich meine Perspektive mit euch teilen. Manchmal wird’s lustig, vermutlich oft wütend aber auch mal, sarkastisch und ernst. Je nach dem wonach mir gerade ist.

Episode I
Warum ich kein Ausbilder werden soll

Ich lerne bei einem der größten deutschen Industrieunternehmen einen Metallberuf. Bedeutet, ich bin nicht nur im Betrieb und in der Berufsschule, sondern die meiste Zeit in der Ausbildungswerkstatt dieses Konzerns. Dort soll ich zuerst die notwendigen Grundfertigkeiten erlernen, bevor ich auf die milliardenschwere Produktion losgelassen werde. Die Art des Lernen gefällt mir, Theorie gibt es immer nur in Verbindung mit Praxis und das ganze ist modular unterteilt. Bedeutet, ich habe wöchentliche Kurse, in denen ich bestimme Fähigkeiten erlernen soll. Am Ende eines Sets solcher Kurse gibt es dann ein Abschlussprojekt, bei dem größtenteils selbstständig eine komplexere Baugruppe gefertigt wird. Am Ende eines jeden Projektes gibt es mit der_m entsprechenden Ausbilder_in ein Vieraugengespräch für’s Feedback.
Die Ausbildung ist mein 2.Bildungsweg, ich habe schon ein abgebrochenes Ingenieursstudium auf dem Buckel, weshalb ich erstens älter bin als die meisten meiner Kollegen und mir zweitens der Ausbildungsinhalt relativ leicht fällt. Bei den Auswertungsgesprächen wird mir deshalb eigentlich immer nur gesagt, dass ich gut und zügig arbeite und gewissenhaft und so weiter. Diesmal ist es allerdings ein bisschen anders gelaufen.
Meine Ausbilderin hatte mitbekommen, wie ich im Laufe der Projektwochen einen Kollegen zweimal zurechtgewiesen hatte. Das erste mal, als er der Meinung war einen anderen Kollegen „Drecksjude“ zu nennen. Etwas das leider keine Ausnahme sondern sehr üblich in der Klasse ist. Und ein zweites Mal, als er sich erdreistete unsere Ausbilderin zu fragen „ob sie gerade ihre Tage hätte“, weil sie wütend geworden war. Ich hatte in dem Fall nur sarkastisch bemerkt, dass PMS Prä-menstruelles Syndrom heißt und deswegen seine Frage schon ein bisschen falsch formuliert ist. Anstatt sich überschwänglich bei mir dafür zu bedanken, dass ich etwas gegen den Sexismus, Rassismus und die Homophobie tue, wird sie bei unserem Auswertungsgespräch plötzlich ziemlich ernst und sagt mir, eine Sache müsse sie da doch an mir kritisieren. Ich wäre älter und gebildeter als die anderen und „Alle wissen doch, dass Begriffe wie Homo oder rassistische Sachen, die sie sagen nicht ok sind“, aber ihrer Meinung nach wächst sich das aus. Das ist das Alter (16 bis 18) und deswegen machen sie so etwas. Dann sagt sie noch „der xy hatte ja letztens sein Coming Out, da können wir jetzt auch nichts machen“. XY ist nicht direkt Teil der Gruppe, hatte aber von Anfang an Kurse mit uns zusammen, die anderen kennen ihn also alle. Ich frage mich ernsthaft, “was wir denn da machen sollten“, ihre Aussage klang so, wie: „Wir können ihn nicht wieder zurück in den Kleiderschrank schicken, aber sinnvoll wär’s.“ Ganz abgesehen davon, dass sie ihn mit der Aussage mir gegenüber zwangsgeoutet hat. Ich wusste es zwar schon, aber das konnte meine Ausbilderin nicht wissen. Weiter ging es damit, dass sie meinte bei irgendwem würden sie mit den Sprüchen sich dann auf die Fresse legen und merken, dass die nicht cool sind. Angesichts der Tatsache, dass sie ihre Ausbilderin ist und die Ausbildung sich als persönlichkeitsbildend versteht, kann das ja nur ein Witz sein. Persönlichkeit heißt offensichtlich die schwierigen Themen anderen überlassen. Bei mir sind meine Kollegen damit auf die Fresse geflogen, dass sie so etwas gesagt haben, ich bin also eigentlich genau die Person, von der meine Ausbilderin spricht.
Aufgrund der Tatsache, dass ich meine Kollegen für solche Sprüche angehe, beurteilte sie auch gleich meine Kompetenz Ausbilder zu werden, was ich als Berufswunsch geäußert hatte. „Es liegt nicht daran, dass du nicht mit Jungs kannst“ (Ich werde auf Arbeit weiblich zugeordnet und bin damit die einzige “Frau“ der Gruppe),“aber du bist so unnachgiebig mit ihnen“ und wenn ich irgendwen ausbilden will, dann solle ich doch in die Erwachsenenbildung gehen, denn da gehöre ich hin. Nach der Ansage war ich so wütend, dass ich nichts sagen konnte. Ich war kurz davor loszuheulen und das hätte meine Stellung als „einziges Mädchen in der Gruppe“ noch weiter zementiert. Ich muss sowieso schon härter als die anderen arbeiten, um die gleiche Anerkennung zu bekommen. Ich verstehe nicht, wie sie mir das ins Gesicht sagen konnte, zumindest meiner Meinung nach blinkt über dem nämlich ein großes Schild, dass zumindest in ihrer Wahrnehmung „LESBE!“ schreien sollte. Macht es aber anscheinend nicht, weil sie die heteronormative Sonnenbrille aufgesetzt hat. Deren Gläser sind undurchsichtig.
Mir hat das Ganze weh getan, nicht nur weil es schrecklich homophob war, sondern auch, weil meine Schutzmechanismen, meine „Unnahbarkeit“ gegenüber homophober rassistischer 17jähriger, als eine Unfähigkeit je mit der Altersgruppe zu arbeiten gesehen wurde. Tatsächlich bin ich relativ gut darin genau mit der Altersgruppe non-formale Bildung zu betreiben.
Ich mache mir Sorgen, um all die queeren Jugendlichen, die noch durch diese Ausbildungsstätte gehen werden. Ich habe meine Identität schon mehr oder minder gefunden, sie ist nicht so leicht klein zu bekommen. Aber in dem Alter, wo viele noch damit hadern, nicht genau wissen wie sie mit ihrem “anders sein“ umgehen sollen, kann eine solche Ansage dazu führen, dass sie jahrelang sich selbst verleugnen. Und wir wollen nicht die vielen vergessen, die Suizid begangen haben, weil genau die Menschen, von denen sie Unterstützung gesucht haben, keine für sie hatten oder der Meinung waren, sie sollten doch nachsichtiger sein.
Die gute Nachricht ist, ich habe mir dieser Ausbilderin keine weiteren Kurs mehr und bei allen die danach kommen habe ich vor genauso unbequem wie vorher zu sein.

Reclaiming: Ich und das T-Wort

Trigger-Warnung für trans*phobe Sprache

Ich habe mich dafür entschieden das mit dem Studieren sein zu lassen und eine Ausbildung zu beginnen. Dazu bin ich umgezogen. Meine Ausbildung begann mit einer Kennenlern- und Teambuilding-Woche irgendwo in der Pampa mit 120 Azubis, weil ich bei einem sehr großen Konzern lerne. Auf dieser Woche musste ich die nicht besonders überraschende, doch sehr unangenehme, Erfahrung machen, dass gewählte Namen in einer Welt voller vorgedruckter Namensschilder und kapitalistischem Leistungs- und ‚ich muss mich gut verkaufen‘-Zwang nicht besonders viel Wert sind. Genauso wie Trans* sein. Führt ja schließlich nicht zu mehr Profit. Immerhin habe ich es dann geschafft meinen Namen bei allen Leuten mit denen ich länger zu tun habe einzuführen. Das änderte nichts an der Hundemarke (Namensschild), die ich um meinen Hals wie den einzigen Anker trug, der die Geschlechterwelt aller anderen ansatzweise im Lot hielt. Einmal schnell das Label Frau aufgedruckt, damit sich ja keine*r mehr wundert, dass ich im sogenannte „Mädchenhaus“ wohne. (Ich machen eine Lehre im technischen Industriebereich, da gibt es nicht so viele Frauen* und die durften abseits ihrer Gruppen in diesem Haus schlafen) Mich hat das alles eher ziemlich fertig gemacht. Spätestens nachdem ich aus dem Bus gestiegen war und ein Ausbilder laut alle Namen aufrief und uns in Gruppen einteilte und bei meinem Namen in die Runde guckte und dachte ich wäre nicht dabei, war mir klar, dass ich eine strikt gegenderte Welt betrat, in der die Sinnlosigkeit von Geschlecht nicht offensichtlicher hätte sein können. Skuriler ist das ganze dann nur noch dadurch geworden, dass ausgerechnet ich, dadurch dass ich relativ gut öffentlich reden kann, dazu auserkoren wurde bei der Abschlussveranstaltung vor allen Chefs auch noch ein zwei Sätze zu sagen, damit eine Frau* gesprochen hatte. Gerade die Frau* die von allen als Mann gelesen wird, sich als Trans* indentifiziert (gut das wusste da fast keine*r)!? Das einzige was mein Quotenfraudasein dann noch gerettet hat, war die Tatsache, dass hier in Sachsen durch den Dialekt bedingt immer ein „die“ oder „der“ vor Namen gesetzt wird. Aber mein Großkonzern brüstet sich eben gerne damit auch Frauen* zu haben die technische Berufe erlernen.
So Viel also zur Ausgangslage meines eigentlichen Beitrages (ist mal wieder länger geworden als gewollt). Ein paar Wochen nach dieser Einführungswoche hatte ich eine Gespräch mit einem meiner Kollegen, der nicht ganz so doof und „-istisch und -phob“ ist wie alle anderen, weil seine Mutter lesbisch ist. Dabei habe ich ihm erklärt was Heteronormativität ist und dann sagte er sowas wie: „Auf der Einführungswoche haben ja auch welche darüber geredet, dass du trans…“, und dann machte er eine Pause und hängte ein „…exuel wärst.“ dran. Er hatte aus Respekt vor mir das Wort „Transe“ nicht sagen wollen. Zwei Dinge haben mich daran aufgeregt und eine Sache mich echt zum Nachdenken gebracht. Meine Aufregung bezog sich zuerst auf meinen Kollegen, weil dieser das ganze in einem Ton gesagt hatte, der implizierte: -deine Sexualität ist hier doch eh allen klar und ich finde das ist kein Problem, aber trans* bist du nicht, denn das ist nicht normal und für mich bist du normal-. Solche Sätze fallen in die Kategorie -Das Gegenteil von gut ist gut gemeint- und sind echt verletzend. Es zeigt auch, dass das T in LGBT* (Lesbian Gay Bisexual Trans*) eben noch nicht selbstverständlich angenommen wird. Was mich weiterhin aufgeregt hat, ist dass in dieser ganzen von Trans*unsichtbarkeit geprägten Woche nur die Typen meine Identität wahrgenommen hatten, die transphobe Arschlöcher waren.
Was mich aber zum Nachdenken gebracht hat, ist eine Diskussion die vor einiger Zeit in diversen Blog Artikeln über das „Tr*nse“ Wort geführt wurde. Damals wurde bemerkt, dass es eben kein Wort wäre das Trans*männer reclaimen könnten, weil es auf die Gruppe der Trans*frauen (und jene die als solche gelesen werden) abzielt und dazu noch stark mit Rassismus und Klassismus verschränkt ist, aber eben immer noch im Bezug auf Trans*frauen. Nun ist Trans*frau nicht mal ansatzweise meine Identität. Ich würde mich als trans* bezeichnen, aber wenn ich so wahrgenommen werde, dann in dieser zweigeschlechtlichen Welt als Trans*mann. Deswegen habe ich auf aufgehört dieses Wort irgendwie als (Selbst-)Bezeichnung zu verwenden, weil ich die Einwände dagegen nachvollziehen kann. In der Umgebung in der ich mich aber die meiste Zeit meines aktuellen Lebens befinde, nämlich in der Ausbildung zusammen mit 30 jungen Männern die alle so um die 16 sind, bin ich auf Verdacht „Tr*nse“. Und wenn ich out wäre, dann eben nicht mehr auf Verdacht, aber diese Jungs würden sich einen Scheisz um meine genaue Identität scheren und dieses Wort immer noch auf mich anwenden. Ich würde dem gerne mit einer Art Reclaiming begegnen. Einfach mal sagen: „Ja bin ich und Probleme?!“. Vor allem würde ich dieses Wort in meinem Sprachgebrauch auch anderen queeren Leuten gegenüber als Selbstbezeichung nutzen wollen, weil es die ganze Sache eben weniger verletzend macht. Aber nun weiß ich nicht, ob mir das zusteht. Ich will niemenschem Worte wegnehmen und somit ungewollt meine Privilegien als weißer, wahrgenommener Trans*mann ausspielen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass in meiner individuellen Position mir diese Reclaming eigentlich zustände, denn schließlich bin ich durch die trans*phobe Verwendung dieses Wortes direkt betroffen. Gerade dazu finde ich keine Antwort. Das hier soll auch keine sein. Es bringt mich nur wieder in das gedankliche Konfliktfeld zwischen strukturellen Unterdrückungsmechanismen und meiner ganz spezifischen Situation. Ich würde auch gerne nochmal zu einer Diskussion darüber anregen ohne Trans*frauen abzusprechen, dass diese Wort eben meistens sie betrifft und ohne die Intersektionalität der ganzen Sache in Frage zu stellen. Deshalb wäre ich trotz der sehr beschränkten Reichweite dieses Blogs über Kommentare, Antworten, Beiträge dazu dankbar.
Roger.Over.

Welle-Teilchen-Dualismus-Gender

Alles fing damit an, dass mein Kumpel nach einem guten Weg suchte, Physiker_innen zu erklären, dass es Personen gibt, die sich nicht als Mann oder Frau definieren wollen, sondern irgendwie beides oder doch keins von beidem und das Geschlecht eine gesellschaftlich konstruierte Kategorie ist.
Er kam auf einen genialen Vergleich, über den ich hier schreiben möchte. Den Welle-Teilchen-Dualismus des Lichtes. Wer weiß was das ist, kann den nächsten Absatz getrost überspringen.

Licht besitzt Wellen- und Teilcheneigenschaften. Eine Welleneigenschaft des Lichtes ist z.B. die Interferenz. Interferenz beschreibt die Überlagerung von Wellen. Im Falle des Lichtes ist diese beim Doppelspaltexperiment zu beobachten. Dabei wird Licht durch eine Blende mit zwei schmalen Spalten, diese müssen in der Größenordnung der Wellenlänge des Lichtes liegen, auf einen Schirm oder Detektor gestrahlt. Dadurch, dass sich die Wellen aus den zwei Spalten überlagern, bilden sich auf dem Schirm paralelle Lichtstreifen. Dies kommt durch die Wellenüberlagerung zu stande, bei den hellen Streifen überlagern sich 2 “Wellenberge“ oder “Wellentäler“, bei den dunklen Streifen überlagern sich ein “Wellenberg“ und ein “Wellental“ und löschen sich so gegenseitig aus. Für schöne Bilder dazu und noch mehr Erklärung auf zu Wikipedia.
Damit hätten wir die Welleneigenschaften des Lichtes, kommen wir zu den Teilcheneigenschaften. Diese sind am besten beim photoelektrischen Effekt zu beobachten. Dabei wir kurzwelliges d.h. energiereiches UV Licht auf eine Metalloberfläche gestrahlt. Nun ist eine Aufladung der Metalloberfläche zu beobachten. Wird nun die Frequenz des Lichtes verändert (im sichtbaren Spektrum wäre das die Farbe, blaues Licht hat eine höhere Frequenz als rotes) verändert sich auch die Stärke der Aufladung der Metalloberfläche. Wäre Licht nur eine Welle, dürfte das nicht passieren, da die Energie einer Welle von ihrer Amplitude und nicht ihrer Frequenz abhängt.

Ich persönlich fühle mich oft, als wäre ich ein bisschen Licht, gefangen in einem System aus fest in ihrer Identität gefestigten “Teilchen“ und “Wellen“ und frage ich sie warum gerade sie ein “Teilchen“ oder eine “Welle“ sind und was dafür die Merkmale sind, sind sie sich nicht sicher, am Ende müssen sie zugeben, dass sie doch irgendwie auch Eigenschaften haben, die sie gerade eben noch der anderen Kategorie zugeordnet haben. Und Ich soll die komisch/verrückte/unnormale Person hier sein?! Ich bin Licht, wie wir alle. Ich interferiere mit mir selber zu starkem und schwachem Ausdruck meiner Gedanken. Ich verändere meine Frequenz so wie es mir gefällt, bis ich zu einer Farbe geworden bin, die weder sichtbar noch verständlich ist. Die Richtung die ich einschlage nehmt ihr nur wahr, wenn ich es mit vielen anderen gleichzeitig tue und doch bin ich stark genug, um Teile aus den Orbitalen der gefestigten Mauern dieses Systems zu schlagen.

Aber was hat das jetzt mit Geschlecht zu tun. Menschen haben so wie das Licht bestimmte Eigenschaften und durch das dringende Bedürftnis alle Dinge zu erklären oder in Worte zu fassen, haben wir Begriffe und Modelle geschaffen, um diese zu erklären. Es gibt nur bedeutende Unterschiede zwischen dem Licht und Menschen. Das Licht ist wesentlich einheitlicher und einfacher zu beschreiben, als komplexe Personen. Aber nehmen wir mal an, wir könnten eine Parallele zwischen der Kategorie Geschlecht und dem Welle-Teilchen-Dualismus des Lichtes ziehen. Dann fällt uns relativ schnell auf, dass Licht weder Welle noch Teilchen ist und niemensch jemals behaupten würde, dass es so wäre. Es ist eben bloß ein Modell. Ganz anders sieht es bei “Geschlecht“ aus. Wie wir an uns selber anhand der Stereotype von “Männern“ und “Frauen“ selber testen können, trifft keine diese Kategorien komplett auf uns zu, selbst wenn wir uns eindeutig als eine dieser beiden gesellschaftlich gegebenen Möglichkeiten identifizieren. Trotzdem kommen nur die wenigsten Menschen auf die Idee diese Kategorie als ein zu überarbeitendes Modell zu betrachten. Falls es Ausnahmen zu der aufgestellten Theorie gibt, ist diese nämlich nicht mehr gültig. Demnach würde sowas wie “Geschlecht“ schon gar nicht mehr existieren oder zumindest anders mit Personen die nicht “Welle“ oder “Teilchen“ sind umgegangen. Aber wenn es um sie selbst und ihre eigenen Identität geht, sind die Leute erstaunlich hartnäckig. Das liegt an einem wichtigen Unterschied zum Licht, es sind Privilegien und Macht damit verbunden. Licht ohne Bewusstsein, ohne irgendwelche Bestrebungen außer vielleicht sich zu bewegen. Licht muss nichts abgenommen werden, Licht kann mit Prismen gebrochen werden, in alle Farben bis zum Regenbogen. So regenbogenmäßig ist die Gesellschaft leider nicht, aber vielleicht wird sie es, wenn ich anfange allen Leuten einfach mal meine Geschlechtsindentität mit Physik zu erklären, zumindest die Logiker*innen dürfte ich damit überzeugen.
Roger.Over.

Über Linke Unverständlichkeit

Heute habe ich auf Facebook den Post eines Freundes entdeckt, der darin Links aufgelistet hatte, über einen Vortrag der gelaufen war und die Kritik einer Gruppe daran und die Antwort des Autors. Es ging um Adorno, kritische Theorie und Homophobie und deren Zusammenhänge. Aber da hört leider auf, was ich euch über den Inhalt erzählen werde und zwar, weil ich nicht mehr verstanden habe. (Das nehme ich meinem Freund nicht übel, sondern den Autor*innen) Ich habe mir alle drei Texte durchgelesen und dachte mir danach -Bahnhof- aber vermutlich geht der Zug Richtung Frankfurt.
Das passiert mir nicht zum ersten Mal. Bei den Diskussionen um Adorno und Israel wird es immer besonders deutlich, aber auch bei einer Vortragsreihe der Gender Studies der Uni Hamburg, die es als Podcast online gibt, geht es mir so. Also gut, bei einer Gender Studies Vortragsreihe, kann berechtigerweise eingeworfen werden, dass es sich um einen universitären Kontext handelt. Aber was ist ein universitärer Kontext eigentlich? Ich habe 6 Semester studiert, davon 2 in bulgarien. Nur eben leider nicht Soziologie oder Politikwissenschaft sonder Materialwissenschaft und Verfahrenstechnik. Ich komme also durchaus aus diesem “universitären Kontext“. Ich sehe ein, dass wenn es sich um eine Veranstaltung im Rahmen eines bestimmten Studiums handelt, dass diese Vorwissen voraussetzen darf, deshalb ist der Podcast vielleicht nicht das beste Beispiel. Aber wenn auf Indymedia mal wieder was über Feminismus gepostet wird, sehe ich nicht ein, warum ich zum Verstehen ein Studium der entsprechenden Fachrichtung brauche. Auch wenn ich einen Flyer auf einer Demo in die Hand gedrückt bekomme, möchte ich nicht erst das Wörterbuch rausholen müssen. Das mache ich dann meistens zu meinem Ärger zuhause. Auch intensives Namen-Nennen, als pseudo Verweise darauf, was ich denn noch lesen könnte bringen mich nicht weiter. Weiterbringen würde mich ein einfacher Text und vielleicht noch ein bis zwei Links zu Einführungen, die nicht 20 Seiten umfassen.
Interessanter Weise ist mir als ich in bulgarien gelebt habe aufgefallen, wie sehr Theorie und die Debatten darum die deutsche Linke bestimmen. In Sofia war ich meistens im Social Centre Adelante zugegen. Dort gab es Einführungen in so ziemlich alles, bulgarisch, Gitarre spielen, Arabischer Frühling, der Widerstand der Refugees gegen ihre unmenschliche Behandlung. Ich selbst habe dort ein Training für Menschen gegeben, die besser oder erstmalig Präsentieren und Moderieren lernen wollten. Mir ist besonders aufgefallen, wie sehr die Veranstaltungen auf Austausch und das Vermitteln von Lebensrealitäten ausgelegt war. Es durfte auch alles gefragt werden, aber mensch musste eben mit Widerspruch rechnen. (Noch eine Bemerkung, ich finde, dass Bildungsveranstaltungen nie einen wirklich sicheren Raum herstellen können. Wenn Menschen kommen und sich bilden wollen und dann vielleicht eine Frage stellen, die ein Vorurteil oder diskriminierende Worte beinhaltet, halte ich es nicht für sinnvoll sie rauszuwerfen.) Das Social Centre war auch offen für jede*n offen. Wenn ich dort eine Veranstaltung durchführen wollte, bin ich zum Plenum gegangen und habe sie in den Kalender eintragen lassen, es gab keine riesige Debatte, ob der genaue Inhalt meiner Veranstaltung in das Social Centre passt und ich nicht irgendwas sagen könnte, dass das Organisationsteam des Centres jetzt anders formuliert hätte. Es ging auch nicht darum, wie ich jetzt zum Nahostkonflikt stehe und ob irgendeine Veranstaltung meinerseits vertretbar wäre. Wenn ich im Vortrag/Workshop etwas gesagt hätte, was den anderen nicht passt, hätte es dann eben eine Diskussion gegeben.
Aber zurück zu dem Bild das sich mir in der deutschen Linken zeigt (Achtung es folgen subjektive Eindrücke). Hier ist es so, dass viele Gruppen sehr geschlossen sind. Wohlgemerkt geschlossen über die durchaus angebrachte Vorsicht hinaus. Ich verstehe das radikale Aktionen gerne und sinnvollerweise in geschlossenen Gruppen vorbereitet werden. Aber gerade die meisten Gruppen mit denen ich Kontakt hatte, planen keine radikalen Aktionen, die über Blogartikel und hochtrabende Kritiken an anderen Gruppen hinausgehen. Die Theoretisierung geht hier so weit, dass sich Gruppen fast generell weigern an Demonstrationen teilzunehmen, weil das ja noch nicht gut genug ausdiskutiert worden ist. Wenn ich die Texte dieser Gruppen nicht verstehe, dann bin ich eben einfach zu dumm, dann ist es ihrer Meinung nach immer meine Schuld. Dann gehöre ich zum *Pöbel* oder auch Volksmob und eine Besserung steht natürlich nicht in Aussicht. Das was hier passiert ist eine Elitenbildung. Und die Anhänger*innen verschiedener Eliten dürfen sich dann in ihrer eigenen Sprache miteinander streiten und ein paar Privilegierte verstehen sie noch. Einen persönlichen Höhepunkt bildet für mich eine Podiumsdiskussion, von der ich mir eine Aufzeichnung anhörte. Dabei stritten sich drei Menschen von drei unterschiedlichen theoretischen Strömungen darüber, warum genau deutschland jetzt scheisze ist, also welche Theorie die richtige Begründung dafür liefert. Aber so funktioniert Links-Sein für mich nicht. Für mich kann gesellschaftliche Veränderung nur dadurch kommen, dass möglichst viele Menschen begreifen, dass diese Welt mit Kapitalismus, Staaten und Grenzen scheisze ist.
Ich weiß, dass es nicht immer einfach ist, sich verständlich und trotzdem präzise auszudrücken ohne Spivak, Butler und Scholz direkt zu zitieren oder die von ihnen eingeführten Begriffe zu benutzen ohne sie gut und schnell zu erklären. (Nur als Anmerkung, ich habe nicht viel von den oben drei genannten gelesen und sie zu kennen ist für diesen Text irrelevant. Sie sollen nur exemplarisch für ganz viele Theoretiker*innen stehen.) Ich habe diese Erfahrung auch machen müssen, ich habe gedacht meine Sprache wäre einfach genug und ziemlich verständlich, dann begann ich Projekttage über Vorurteile und Rassismus in Schulen durchzuführen, größtenteils mit 8. bis 10. Klassen. Und da stolperte ich über meine eigenen Worte und bekam auch Feedback von den Leuten mit denen ich zusammenarbeitete, darüber, dass mich die Klasse bei einigen Worten schon mal verständnislos angesehen hatte. Ich hatte das gar nicht bemerkt. Ich sehe also ein, dass wir manchmal Menschen brauchen, die uns darauf hinweisen, wie wir reden oder schreiben. Inzwischen bin ich erfahrener darin Workshops zu verschiedene Themen zu geben und dabei ganz grundlegend anzufangen. Ich habe auch gemerkt, dass Nachfragen etwas ist, das mit einer riesigen Hemmschwelle verbunden ist. Deshalb habe ich angefangen Nachzufragen, einmal als Durchführender, da frage ich die Teilnehmenden, ob sie alles verstanden haben. Wenn ich selber Teilnehmer bin, dann frage ich auch schon mal Begriffe nach, bei denen ich eigentlich weiß, was sie bedeuten, ich aber auch weiß, dass das sehr wahrscheinlich nicht alle im Raum tun.
Auch wenn das in diesem Artikel vielleicht so klingt, ich verdamme Theorie nicht. Theorie liefert viele wichtige Denkanstöße und Ideen dafür, wie wir und in was wir unsere Welt verändern können. Das kann sie aber nur tun, wenn sie verständlich vermittelt wird und Praxis führt. Eine Theorie ohne genug Menschen die sie verstehen und eine Theorie ohne Praxis sind für mich nutzlos. Am Montag fange ich eine Berufsausbildung an, dann bin ich noch mehr darauf angewiesen, dass Menschen ihre Texte, Gedanken und Kritiken leicht verständlich halten. Dann habe ich schlichtweg nicht mehr die Zeit, um mich ewig lang in ein Thema einzulesen, wie ich es bisher gemacht habe, wenn es mal wieder nur “Bahnhof“ hieß. Ich hoffe, dass die Gruppen, die diese Anspruch schon haben und ihn auch durchsetzten, ihn beibehalten und die Gruppen die das noch nicht tun und sich ein Herz fassen und es probieren. Vielleicht einfach mal jemenschen gegenlesen lassen kann schon helfen.

Roger.Over.

Wenn Wir Über Riots Reden

In den letzten Tagen sind in meinem Facebook Feed ganz viele Artikel und Bilder in Solidarität mit den auf die Straße gehenden Menschen in der Türkei erschienen. Die Leute mit denen ich auf Facebook befreundet bin, sind größtenteils Jusos und Falken und Menschen die sich deren internationalen Schwesterorganisationen zugehörig fühlen. Eine dieser Organisationen ist die Jugend der Türkischen Opositionspartei CHP, also an sich kein Wunder, dass ganz viele Berichte über die Türkei bei mir ankommen. Ich selber habe ja auch ein Solibild gepostet und mich die letzten zwei Tage auf dem Blog von Al Jazeera informiert.
Die ganzen Informationen haben mich aber auch zum Nachdenken gebracht, besonders was den Umgang von den „nationalen“, in diesem Fall deutschen, Medien und den Umgang meiner Facebookfreund*innen mit Protestbewegungen und Riots angeht. Tagtäglich erheben sich irgendwo Menschen gegen ihren Staat, selten erfahren wir davon, auch deshalb weil Mainstream-Medien erstaunlich gut darin sind das ganze tot zu schweigen. Zumindest erscheint es mir so. Einfach wenn ich einen Blick auf die Tagesschau werfe, die ich mir fast jeden Tag reinziehe, weil ich außerhalb von D-land lebe und doch gerne ein bisschen Überblick habe. Gleichzeitig lese ich regelmäßig die taz und dazu noch selektiv Artikel von anderen Zeitungen, aber die eher abhängig davon, was in meinen social media Kreisen so auftaucht. Nur damit vielleicht das Bild ein bisschen klarer wird, welche Medienwahrnehmung ich habe. Aber zurück zu meiner Beobachtung. Vor ein paar Wochen gingen Jugendliche in Stockholm auf die Straße, sie zündeten diverse Dinge an und lieferten sich Straßenkämpfe mit der Polizei. Der Auslöser war wie schon in London, Paris und Athen Polizeigewalt. Die Bullen hatten mal wieder jemenschen umgelegt und das hat verständlicher Weise das Fass zum Überlaufen gebracht. Aber was hat das nun mit den Protesten in Istanbul und der Türkei zu tun? Zuerst ging es bei den Protesten ja um den Gezi Park im Zentrum Istanbuls, das letzte Stückchen Grün, was einem Bauprojekt weichen soll. Der Park wurde von Aktivist*innen besetzt, die ihn gerne behalten wollen. Als dann der Park mit massiver Polizeigewalt geräumt wurde, versammelten sich ziemlich viele Leute in der Innenstadt Istanbuls was die Polizei nur noch mehr ausrasten lies, die erstmal alles mit Tränengas beschoss was sich noch bewegte. Doch die Proteste in Istanbul sind riesig geworden und gehen weiter, nur geht es nach Aussagen diverser Gruppen und Menschen auf den Protesten jetzt auch gegen die Authoritäten und Erdogan. Wir haben also erstmal einen ähnlichen Mechanismus wie bei vielen Protesten, massive Polizeigewalt führt dazu, dass der Funke auf einen größeren Teil der Bevölkerung überspringt, der mit der Gesamtsituation unzufrieden sind, aus ganz verschiedenen Gründen. Was nun folgte nachdem die Bilder aus Instanbul um die Welt gingen, waren Aussagen internationaler Vertreter*innen, dass diese Art von Polizeigewalt doch unangemessen und undemokratisch sei. Genauso erklärten die Menschen auf meine Facebookfeed massenweise ihre Solidarität mit den Menschen in der Türkei. Wenn ich jetzt aber die Riots in Stockholm nehme, dann habe ich nationale und internationale Vertreter*innen von „sozialen Brennpunkten“ von „migrantischen Jugendlichen“ reden hören. Um die dort ausgeübte Polizeigewalt ging es überhaupt nicht oder nur am Rande. Von internationalem Druck keine Spur, es handelt sich ja schließlich um ein vorbildliches Land in der EU(*Ironie*). Auch auf meinem Facebookfeed wurde die Situation in Stockholm thematisiert aber von Solidaritätsbekundungen keine Spur, es gab eher so Aussagen wie -wir müssen politisch handeln, damit die Jugend wieder eine Zukunft hat- und -schlimm, dass diese jungen Menschen so verzweifelt sind, dass sie Autos anzünden-. Das ging mehr so in Richtung Sozialarbeit als in Richtung Solidarität. Was meiner Meinung nach nicht bemerkt wurde, war, dass letztendlich auch die Jugendlichen in Stockholm gegen die Authoritäten kämpfen, die ihr Leben einschränken. Klar ist es nicht gerade einfach herauszufinden, was die Menschen in Stockholm wollen, aber genauso habe ich noch keinen Forderungskatalog aus der Türkei gesehen, eher diffuse Aussagen von ganz unterschiedlichen Leuten.
Ich habe noch keine finalen Schlüsse aus diesen Beobachtungen gezogen, aber ich habe das Gefühl dass in diese Mechanismen Eurozentrismus mit hineinspielt. Wenn es um die Türkei geht, dann kämpfen die Menschen da für mehr Demokratie und Teilhabe, aber wenn es um Riots und Proteste in der EU geht, dann geht es höchstens um Verteilungsproblematiken oder Herausforderungen für Politiker*innen, weil Demokratie hier ja *sooo offensichtlich* schon herrscht. Ich bin solidarisch mit denen die sich gegen Staat und Nation erheben, auch mit denen die mehr Teilhabe einfordern. (Solidarität heißt für mich nicht, dass ich nicht kritisch gegenüber Bewegungen und Aktionen sein darf) Und ich würde mir wünschen sich den eigenen Sprachgebrauch wenn es um Proteste und Riots geht mal anzusehen und den zu reflektieren. Das versuche ich nämlich gerade und daher stammt auch dieser Blog Artikel.

Vielleicht noch eine Anmerkung, der Begriff Riot ist für mich ziemlich positiv besetzt, aber bei vielen Menschen nicht und da es hier ja auch um Sprache geht, der kurze Hinweis.

Euer GingerRoger